Kundgebung zum 74. Jahrestag der Reichspogromnacht in Zittau

09.11.2012

Rede von Jens Thöricht, Stadtrat der LINKEN

„Ein Licht Gottes ist der Menschen Seele. Zum Gedenken der vierzig jüdischen Seelen der Städte Zittau und Löbau, die in den Jahren 1933- 1945 hingerichtet, ermordet, vergast und verbrannt wurden. Weil sie Juden waren. Mögen ihre Seelen in die Gemeinschaft der Ewigen aufgenommen werden.“

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

diese Zeilen stehen auf dem 1948 auf dem Zittauer Friedhof errichteten Gedenkstein, der an die ermordeten Zittauer Jüdinnen und Juden erinnert.

Heute vor ganz genau 74 Jahren wurden jüdische Frauen und Männer misshandelt und ermordet, ihre Wohnungen und Geschäfte geplündert und zerstört.

Unter der Propagandistischen Bezeichnung „Reichskristallnacht“ ging dieser Tag in die Geschichte ein. Sieben Jahrzehnte ist das nun her. Eine lange Zeit. Jeden Tag gibt es weniger Menschen, die sich als Zeitzeugen an dieses rabenschwarze Kapitel in der deutschen Geschichte erinnern. Wer heute jünger als 70 Jahre alt ist, hat den Weltkrieg und die Pogrome kaum bewusst miterlebt. Die „Gnade der späten Geburt“ genießt die Nachkriegsgeneration. Doch heißt das, dass wir demnächst aufhören dürfen uns und andere an den 9. November 1938 zu erinnern?

Ich sage: Nein! Denn Unrecht verjährt nie!

Doch wie sollen, wie können wir uns 74 Jahre nach den Gräuel vom 9. November 1938 erinnern, während die Erinnerung bei den Zeitzeugen verblasst und sich jede nachkommende Generation weiter von ihr weg fühlt? Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Professor Dr. Salomon Korn, hat zu dieser Frage einmal festgestellt, dass man dafür den Informationsanteil der Erinnerung vom Affekt, also dem Gefühlsanteil, trennen müsse. „Weil Identifizierung qua Definition nur mit positiven Inhalten möglich ist.“

Die negativen Gefühle, die sich bei der Befassung mit dem Holocaust breit machten, verstärkten dagegen die „Neigung, die mit ihnen verknüpften Erinnerungen abzuwehren, zu beschönigen, zu verdrängen und schließlich zu leugnen“, so Korns Befürchtung.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

so nüchtern sich diese Analyse anhört, so schwierig lässt sie sich in die Tat umsetzen. Gefühl und Information zu trennen, ist angesichts der Dimension der Verbrechen kaum möglich. Oder wie lässt sich die Geschichte derart auf pure Information reduzieren, dass sich kein Mitgefühl und kein Schuldbewusstsein im Zuhörer Bahn bricht?

Dabei hilft auch, dass wir das gesichtslose Schicksal Hunderttausender in die Lebensgeschichte einzelner Menschen übersetzen.

Einzelne Menschen wie Paula und Hermann Keil. Nicht nur an sie wird mit den Stolpersteinen in der Stadt erinnert. Und mit diesen Erinnerungen bekommen die unbekannten Hundertausende, Gesichter und Namen.

Meine Damen und Herren,

in der Aufarbeitung unserer Geschichte sind wir zugegebenermaßen in den vergangenen 74 Jahren ein gehöriges Stück weiter gekommen.

Diese äußere Entwicklung können wir alle auch in unserer Alltagswelt befördern. Denn nicht nur bei der Erinnerung an den Holocaust wünscht sich Salomon Korn vom Zentralrat der Juden in Deutschland, dass die Betroffenen endlich als Angehörige des eigenen Volkes angesehen werden sollten.

Sie „nämlich als Deutsche zu betrachten – nicht nur verbal als »jüdische Deutsche« oder »deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens«, sondern – bei aller Differenz – schlicht als Deutsche, die auch Juden waren.“

So vermag allein die Sprache zu urteilen und zu richten, auszugrenzen oder einzubinden. Die ganze Sprache der Nationalsozialisten folgte diesem Prinzip. Nicht von ungefähr liegt in der Bezeichnung „Reichskristallnacht“ etwas Schillerndes, was man bei nüchterner Betrachtung nicht zu erkennen vermag. „Worte können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da“, notierte dazu Victor Klemperer. Sein Wörterbuch der Unmenschen gibt Auskunft darüber und wir sollten uns auch heute noch davor hüten, andere Menschen mit dem, was wir sagen, zu verletzen und auszugrenzen.

Denn bei allem Positiven, was wir bislang erreicht haben, dürfen wir doch nicht nachlassen, uns und andere zu erinnern. Die Verfolgung und Ermordung einer ganzen Gemeinschaft darf sich in Deutschland und in der Welt nie wiederholen. Deshalb müssen wir alle ganz genau hinschauen, wenn wieder Neonazis in unseren Städten marschieren wollen. Hier in Zittau genauso wie in unseren Nachbarstädten, in Sachsen und in ganz Deutschland.

Dann müssen wir denen die Stirn bieten und laut „Nein“ sagen. Denn das ist doch die eigentliche Lehre, die wir aus dem 9. November 1938 ziehen sollten. Eigentlich wollte ich mit den Worten „Wehret den Anfängen!“ schließen. Doch ich glaube dafür ist es zu spät. Gerade auch unter den Eindrücken des heutigen Abends ist daher mein Apell: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus.

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