Mehr als jedes dritte Kind im Landkreis ist arm

In der Region leben 7.142 Kinder in Armut. Was folgt daraus?

Die Plakatkampagne der sächsischen LINKEN im Frühjahr dieses Jahres ließ etliche Sachsen aufhorchen. „150.000 sächsische Kinder leben in Armut – aufwachen, Herr Tillich!“, erschreckte nicht wenige Sachsen. Initiiert wurde die Kampagne von der Fraktion DIE LINKE im sächsischen Landtag. Damit wurde mit Erfolg auf ein wichtiges Thema aufmerksam gemacht: die in Armut lebenden Kinder im Freistaat.

Wie kann jedoch die Armut in einem Landkreis, die in einer bestimmten Altersgruppe verbreitet ist, analysiert werden? Dazu müssen eine Reihe von erhobenen Daten ausgewertet werden. Jens Hentschel-Thöricht, Sozialpolitiker der LINKEN im Kreistag machte sich diese Mühe.

Arm ist, wer weniger 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. 917 Euro betrug das mittlere Einkommen für eine alleinstehende Person im Jahr 2016. Für eine Familie mit zwei Kindern lag es bei 1.926 Euro. Hat davon eine vierköpfige Familie weniger als 60 Prozent zur Verfügung, das sind 1.155 Euro im Monat, gilt sie als arm.

Wie viele Kinder sind im Landkreis Görlitz von Armut betroffen?

Jens Hentschel-Thöricht, der für die LINKEN im Kreistag sitzt, hat nachgerechnet. Im Landkreis Görlitz wurden alle Einwohner unter 18 Jahren, die in Hartz-IV-Familien leben, gezählt. Das waren im Februar dieses Jahres 6.726 Kinder.
Hinzu kommen die Kinder, deren Familien Sozialhilfe bekommen. Das waren dem Statistischen Landesamt zufolge 83 Kinder im Landkreis.
Erwachsene, die arbeiten, deren Einkommen aber nicht für die Miete reicht, können Wohngeld beantragen. Zum 31.12.2016 erhielten insgesamt 4.088 Haushalte Wohngeld. Die Zahl der unter-18-Jährigen in diesen Haushalten wird durch das Statistische Landesamt zwar erhoben, jedoch nicht veröffentlicht.
Auch minderjährige Flüchtlinge, die aufgrund des Asylbewerberleistungsgesetzes unterstützt werden, zählen zur Kinderarmut in einer Region dazu. Ende vergangenen Jahres betraf das im Landkreis 333 Kinder.

Nach dieser Zählung leben im Landkreis also mindestens 7.142 Kinder in Armut. Zum Stichtag 31.12.2016 waren rund 18.135 aller 258.337 Einwohner im Landkreis minderjährig – es ergibt sich eine Armutsquote von etwas über 39 Prozent. Mehr als jedes dritte Kind im Landkreis ist arm. Der Landkreis Görlitz schneidet damit im sachsenweiten Vergleich schlecht ab. Statistisch gesehen, ist jedes vierte Kind in Sachsen von Armut betroffen.

Geld allein hilft nicht

„Geld auf dem Konto ist nicht alles, dennoch ist die Einführung einer Kindergrundsicherung wie es DIE LINKE fordert, ein erster Schritt. Doch auch im Landkreis Görlitz muss die Jugendarbeit und deren Förderung überarbeitet und verbessert werden.“, dieser Überzeugung ist Hentschel-Thöricht.

Der Geschäftsführer des Jugendring Oberlausitz Rolf Adam zu den Schwierigkeiten der Jugendarbeit im Landkreis:
„Für die Förderung der Jugendarbeit gibt es bis heut keinerlei Bescheide, womit die Finanzierung rechtlich noch nicht gesichert ist. Außerdem deutet sich bereits jetzt an, dass die nächste Förderperiode der Schulsozialarbeit von August bis Dezember 2018 Schwierigkeiten bei der rechtzeitigen finanziellen Umsetzung haben wird. Diese Sachverhalte können also jederzeit wieder zu solchen schwierigen Finanzsituationen führen. Eigentlich dürften Träger nicht mit den Maßnahmen beginnen, bevor ein entsprechender Zuwendungsbescheid vorliegt. Das würde aber bedeuten, dass Projekte erst Monate später beginnen können und dann auch das Personal nicht mehr verfügbar ist. Bei mehrjährigen Projekten, wie im Jugendhilfeplan z.B. festgelegt, gibt es aber laut Rechtsauffassung der Arbeitsgerichte keine Möglichkeit der Kündigung. Abgesehen, dass diese Umgangsweise nicht die Arbeit der vielen engagierten Sozialarbeiter würdigt und beim derzeitigen Fachkräftemangel die Problematik zusätzlich verschärfen würde, haben die Verantwortlichen in den Vereinen, insbesondere die ehrenamtlichen Vorstände, eine enorm hohe Verantwortung übernehmen müssen und wofür sie u.U. mit ihrem Privatvermögen haften müssen!“

Abschließend Hentschel-Thöricht: Natürlich müsse Sozialpolitik im Bund entschieden werden. Die Landesregierung dürfe das Problem aber nicht länger ignorieren, sondern solle sich in Berlin für eine Kindergrundsicherung von 560 Euro im Monat einsetzen. Der Freistaat solle für Kinder die Kosten für Busse, Bahnen und das Mittagessen übernehmen. Und im Landkreis muss die Jugendarbeit endlich planungssicher für die Träger gestaltet werden!

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