Mehr als jedes sechste Kind im Landkreis ist arm

Im Landkreis Görlitz leben ca. 6.281 Kinder in Armut. Was folgt daraus?

Für manche Kinder sind Geschenke am Kindertag bescheidener ausgefallen. Das galt vor allem für jene, deren Eltern ein geringes Einkommen beziehen.

Keine gute Nachricht zum Internationalen Kindertag: Laut Statistik ist etwa jedes fünfte Kind (21,4 Prozent) im Freistaat Sachsen armutsgefährdet. In der Gruppe der Alleinerziehenden betraf das sogar fast jedes zweite Kind (44,6 Prozent). „Für eines der reichsten Länder der Erde ist es beschämend, dass so viele Kinder von finanziellen Problemen betroffen sind. Statt unbeschwert aufwachsen zu können, lernen sie Entbehrungen kennen“, sagte die Zwickauer Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann (DIE LINKE).
Nach dem Mikrozensus lag die sogenannte Armutsgefährdungsschwelle 2018 in Sachsen bei 937 Euro für einen Single-Haushalt. Dabei handelt es sich um das gesamte Nettoeinkommen eines Haushalts inklusive Wohn- sowie Kindergeld oder anderer Zuwendungen. Wer weniger als diese Summe im Monat zur Verfügung hat, gilt als armutsgefährdet. Zimmermann hatte Daten des Statistischen Bundesamtes ausgewertet. Sie hat im Bundestag den Vorsitz im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Wie kann jedoch die Armut in einem Landkreis, die in einer bestimmten Altersgruppe verbreitet ist, analysiert werden? Dazu müssen eine Reihe von erhobenen Daten ausgewertet werden. Jens Hentschel-Thöricht, Sozialpolitiker der LINKEN im Kreistag machte sich diese Mühe.

Wie viele Kinder sind im Landkreis Görlitz von Armut betroffen?

Jens Hentschel-Thöricht, der für die LINKEN im Kreistag sitzt, hat nachgerechnet. Im Landkreis Görlitz wurden alle Einwohner unter 18 Jahren, die in Hartz-IV-Familien leben, gezählt. Das waren im Dezember 2019 5.465 Kinder.
Hinzu kommen die Kinder, deren Familien Sozialhilfe bekommen. Das waren dem Statistischen Landesamt zufolge 505 Kinder im Landkreis (Dez. 2016).
Auch minderjährige Flüchtlinge, die aufgrund des Asylbewerberleistungsgesetzes unterstützt werden, zählen zur Kinderarmut in einer Region dazu. Ende vergangenen Jahres betraf das im Landkreis 311 Kinder.
Nach dieser Zählung leben im Landkreis also mindestens 6.281 Kinder in Armut. Zum Stichtag 31.12.2018 waren rund 38.046 aller 254.894 Einwohner im Landkreis minderjährig – es ergibt sich eine Armutsquote von fast 17 Prozent. Mehr als jedes sechste Kind im Landkreis ist arm.

Geld allein hilft nicht

Zimmermann zufolge müssen soziale Leistungen Armut verhindern und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Die Leistungen für Kinder sollten erhöht und eine eigenständige Kindergrundsicherung eingeführt werden. „Es darf nicht sein, dass Kinder immer mehr zum Armutsrisiko werden.“ Auch Familien mit drei oder mehr Kindern seien überproportional stark von Armut bedroht. Die Armutsgefährdungsquote von zwei Erwachsenen und drei oder mehr Kindern habe 2018 in Sachsen bei 30,7 Prozent gelegen (2017: 24,8 Prozent). Genau betrachtet geht es bei Kinderarmut um die Armut der Eltern. Wir brauchen Löhne, von denen man leben und seine Familie ernähren kann“, sagte die Linkspolitikerin weiter. Prekäre Beschäftigung wie Leiharbeit, Teilzeit und Minijobs müssten zurückgedrängt, der Mindestlohn in einem ersten Schritt auf 12 Euro erhöht werden. Vor allem Alleinerziehende gelte es stärker zu unterstützen. Dazu gehörten auch bessere Angebote für die Kinderbetreuung.

Hentschel-Thöricht ergänzt: Natürlich müsse Sozialpolitik im Bund entschieden werden. Die Landesregierung dürfe das Problem aber nicht länger ignorieren, sondern solle sich in Berlin für eine Kindergrundsicherung einsetzen. Der Freistaat solle für Kinder die Kosten für Busse, Bahnen und das Mittagessen übernehmen. Und im Landkreis muss die Jugendarbeit endlich planungssicher für die Träger – auch in Zeiten von Corona – gestaltet werden!

Comments are closed, but trackbacks and pingbacks are open.